HORTUS MUSICUS
Christa Mäurer
Waltraud Russegger
Michael Nowak
Günter Mattitsch
Dietmar Pickl
Carinthia Saxophon Quartett
Gilbert Sabitzer
Gerhard Lippauer
Rudolf Kaimbacher
Günter Lenart
Programm
Vermischte Bemerkungen aus dem Jahr 1941 von Ludwig Wittgenstein
für 5 Solostimmen und Saxophonquartett Op.224/2020
Etüden für eine bessere Welt Op.158/2014
1. BATAILLE DES SYSTÈMES
2. IN MODO MESSIAEN
3. TIERCES MALAIMÈES
4. CYGNE
5. BELLE FADESSE
6. BOUCLES MOEBIUS
Pesem koroške mladine Op. 106/2007
An die slowenische Jugend Kärntens
Für gemischten Chor nach einem Gedicht von Janko Messner
Keine Harmonieleere Op. 203/2019
1. TRIADEN
2. GANZ TON
3. LENTO
4. PRESTO
5. CHORAL
Rote Schuhe Op.113/2008
Für Sopran und Altsaxophon nach einem Gedicht von Esther Dischereit
Waltraud Russegger (Sopran) Gerhard Lippauer /Altsaxophon
6. Saxophonquartett Op. 263/2023
1.FARBEN
2. SYMMETRISCH
3.12-TON-ARTEN
4. ES IST GENUG
5. KEHR AUS
Sieben Hofmann-Miniaturen Op. 222/2020
für fünfstimmiges Vokalensemble und Saxophonquartett
„Vermischte Bemerkungen aus dem Jahr 1941“
Das Jahr 1941, in dem Wittgenstein diese „Vermischten Bemerkungen“ gemacht hat, ist mein Geburtsjahr. Gleich sein erster Satz beschäftigt sich mit Musik. Selbstkritisch sagt er: „Mein Stil gleicht schlechtem musikalischen Satz.“ Später schreibt er auch über Kontrapunkt bei Schubert und über musikalische Prosa bei Wagner. Ich habe diese 14 Bemerkungen jeweils für eine Solostimme des Hortus Musicus und ein Soloinstrument des Carinthia Saxophonquartetts komponiert, wobei auf jede der fünf Stimmen zwei bis drei Bemerkungen kommen.
„Etüden für eine bessere Welt“
Ein Versuch, Tonalität zu relativieren, durch Vergleiche in Frage zu stellen, sie zu irritieren, ja, zu ironisieren. Die Titel der sechs Sätze beschreiben diese Absicht:
Eine Gegenüberstellung der Tonalität zum „Symmetrischen Modus“ (ein Begriff von Olivier Messiaen, einem meiner Lehrer) zur Ganztonleiter, zur Halbtonleiter, zu 12-Ton-Modellen, um eine Art „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ zwischen den verschiedenen Modalitäten der Musiktheorie herzustellen.
Aber auch ein Versuch, zu zeigen, dass alle diese Systeme sich dafür eignen, die verschiedenen Felder von Emotion zu transportieren: Schönheit, Wut, Banalität, romantisches Pathos und Meditation. Es ist aber auch eine Chance, neue Perspektiven einer noch nicht verbrauchten Tonalität zu entdecken. Nach der Emanzipation des Geräusches, nach der Gleichwertigkeit der 12 nur auf einander bezogenen Töne, jetzt die Brüderlichkeit der Modi! Aber diese Ausdruckspalette muss mit einer sehr bewussten Interpretation verbunden sein, die z.B. durch eine Computer-Simulation der Partitur kaum vermittelt werden kann.
„Keine Harmonieleere“
ist der Versuch, Dreiklang auch melodisch in den 12-tönigen Duktus der Melodie einzubeziehen und auf diese Weise Harmonie im linearen Verlauf erlebbar zu machen. Dabei spielt meine persönliche Musiktheorie, die das Verhältnis von „Grundton“ zum Tritonus an die Stelle von Tonika und Dominante setzt eine besondere Rolle. Gleich zu Beginn steht ein C-Dur-Dreiklang einem fis-moll-Dreiklang gegenüber, dann wieder ein f-moll- Dreiklang einem H-Dur Dreiklang. Der Titel dieses Satzes heißt dementsprechend „Triaden“.
Der zweite Satz mit dem Titel „Ganz Ton“ stellt verschiedene Wege der Musiktheorie dar, mit dem Verhältnis Ganzton zu Halbton umzugehen. Freilich ist es nie mein Ziel, auf diese Weise Theorie zu betreiben, sondern Alternativen zum Klangerlebnis der Intervalle beizutragen, wobei sich dann auch die Melodie von „O du lieber Augustin“ in Ganztonschritten einschleichen kann. In jedem Fall geht es mir um den Ausdruck der Intervalle.
„Sieben Hofmann-Miniaturen“
Am liebsten wäre es Maria Georg Hofmann oder - wie sie seit einer jetzt möglich gewordenen Personenstandsänderung heißt - Georg Maria Hofmann ja gewesen, wenn ich wieder eine Oper nach seinen Texten schreiben könnte, wie damals als ich 1996 im Auftrag des Stadttheaters Klagenfurt eine Art Operette nach ihrem Text „Dolores – ein Heldenleben?“ komponiert hatte.
Aber diesmal war es eher das Gegenteil: Der längste Text hat gerade einmal sechs Zeilen („Pegasus“), der kürzeste nur eine Zeile („heut muss ich mein Pelzlein putzen“). Das ist natürlich eine besondere Herausforderung für den Komponisten, aber aus diesen wenigen, aber immer wieder originellen Textzeilen, ist immerhin ein 10-minütiges Stück Musik entstanden!
Texte
Ludwig Wittgenstein
I. Mein Stil gleicht schlechtem musikalischen Satz
II. Entschuldige nichts, verwische nichts, sieh und sag, wie es wirklich ist
– aber Du musst das sehen, was ein neues Licht auf die Tatsachen wirft.
III. Unsere größten Dummheiten können sehr weise sein.
Es ist unglaublich, wie eine neue Lade, an geeignetem Ort in unserem filing- cabinet, hilft.
IV. Du musst Neues sagen und doch lauter Altes. Du musst allerdings nur
Altes sagen – aber doch etwas Neues! Die verschiedenen Auffassungen
müssen verschiedenen Anwendungen entsprechen. Auch der Dichter
muss sich immer fragen: ist denn, was ich schreibe, wirklich wahr? -
was nicht heißen muss: geschieht es so in Wirklichkeit? Du musst
freilich Altes herbeitragen. Aber zu einem Bau. –
V. Im Alter entschlüpfen uns wieder die Probleme, so wie in der Jugend.
Wir können sie nicht nur nicht aufknacken, wir können sie auch nicht halten.
VI. Welche seltsame Stellungnahme der Wissenschaftler : „Das wissen wir noch nicht: aber es lässt sich wissen,
und es ist nur eine Frage der Zeit, so wird man es wissen“! Als ob es sich von selbst verstünde. –
VII. Ich könnte mir denken, dass Einer meinte, die Namen „Fortunen“ und „Mason“ passten zusammen.
VIII. Fordere nicht zu viel, und fürchte nicht, dass Deine gerechte Forderung ins Nichts zerrinnen wird.
IX. Die Menschen, die immerfort warum fragen, sind wie die Touristen, die, im Baedeker lesend,
vor einem Gebäude stehen und durch das Lesen der Entstehungsgeschichte etc. etc. daran gehindert werden, das Gebäude zu sehen.
X. Der Kontrapunkt könnte für einen Komponisten ein außerordentlich schwieriges Problem darstellen;
das Problem nämlich: in welches Verhältnis soll ich mit meinen Neigungen mich zum Kontrapunkt stellen?
Er mochte ein konventionelles Verhältnis gefunden haben, aber wohl fühlen, dass es nicht das seine sei.
Dass die Bedeutung nicht klar sei, welche der Kontrapunkt für ihn haben solle. (Ich dachte dabei an Schubert;
daran, dass er am Ende seines Lebens noch Unterricht im Kontrapunkt zu nehmen wünschte.
Ich meine, sein Ziel sei vielleicht nicht gewesen, einfach mehr Kontrapunkt zu lernen, als vielmehr sein Verhältnis zum Kontrapunkt zu finden.)
XI. Wagners Motive könnte man musikalische Prosasätze nennen. Und so,
wie es gereimte Prosa gibt, kann man diese Motive allerdings zur
melodischen Form zusammenfügen, aber sie ergeben nicht eine Melodie.
Und so ist auch das Wagnersche Drama kein Drama, sondern eine
Aneinanderreihung von Situationen, die wie auf einem Faden aufgefädelt
sind, der selbst nur klug gesponnen, aber nicht, wie die Motive und
Situationen, inspiriert ist.
XII. Lass Dich nicht von dem Beispiel Anderer führen, sondern von der Natur !
XIII. Die Sprache der Philosophen ist schon eine gleichsam durch zu enge
Schuhe deformierte.
XIV. Die Personen eines Dramas erregen unsere Teilnahme, sie sind uns wie Bekannte, oft wie Menschen, die wir lieben oder hassen:
Die Personen im zweiten Teil des Faust erregen unsere Teilnahme gar nicht ! Wir
haben nie die Empfindung, als kennten wir sie. Sie ziehen an uns vorüber, wie Gedanken, nicht wie Menschen.
Pesem koroške mladine
Zapojmo srčno fantje in dekleta,
da glas bo segel tja v deveto vas:
Selanov kri prelita nam je sveta,
iz groba kliče vsakega od nas!
Člen sedem naša je pravica,
pogodbena za nas resnica!
Poslušaj, prišlek, nas, tu smo doma,
na uči končno zgodovine se?
Tu prideluje vsak od nas si kruh,
plačuje davke! Ti se delaš gluh!
Člen sedem naša je pravica,
pogodbena za nas resnica!
Pred tabo mi ne maramo klečati,
VSAK PES IMA na tablici IME!
A naših ti ne maraš pripisati,
da še živimo, v glavo ti ne gre!
Člen sedem naša je pravica,
pogodbena za nas resnica!
Ne veš, kaj pravi ti Prešeren Francè:
„Žive naj vsi narodi, človek, čuj!
Da rojak PROST bo VSAK,
NE vrag, le SOSED bo MEJAK!“
Člen sedem naša je pravica,
pogodbena za nas resnica!
Lied der slowenischen Jugend Übersetzung: Emil Krištof
Lasst uns herzhaft singen, Burschen und Mädchen,
dass die Stimme bis ins neunte Dorf zu hören ist:
Das heilige Blut der Zellaner wurde für und vergossen,
aus dem Grab ruft es nach jedem von uns!
Artikel 7 ist unser Recht,
vertraglich für uns festgelegte Wahrheit!
Hör uns zu, Zugereister, hier sind wir zu Hause,
lern endlich Geschichte!
Hier verdient jeder von uns sein eigenes Brot,
zahlt Steuern! Du stellst dich taub!
Artikel 7 ist unser Recht,
vertraglich für uns festgelegte Wahrheit!
Vor dir wollen wir nicht in die Knie gehen,
JEDER HUND HAT auf seinem Schildchen seinen NAMEN!
Aber unseren willst du nicht dazu schreiben,
dass wir noch leben, geht das nicht in deinen Kopf!
Artikel 7 ist unser Recht,
vertraglich für uns festgelegte Wahrheit!
Weißt du nicht, was Prešeren Francè sagt:
„Es mögen alle Völker leben, hör doch, Mensch!
Dass JEDER Landsmann FREI sein wird,
NICHT Teufel, nur NACHBAR wird der ANGRENZENDE sein!“
Georg Maria Hofmann
I. Ach du Pegasus,
Sohn der Medusa,
lass mich mit deinen
mächtigen Sprüngen, mit
deinen mächtigen Flügel-Schwingen
über den Boden fliegend springen.
Bleib mir du ungezähmt!
II. Ich bin nach Mainz gefahren
an einem schönen Tag
da kam die alte Rosa
und schlug mich tot mit einem großen Balg
III. Heute komm ich
morgen geh ich
morgen abend
nimmer leb ich
IV. Die schöne schöne Zeit
nimmermehr
wiederkehrt
V. Heut morgen nie
Heut muss ich mein Pelzlein putzen
Ich hab noch nie
mit einem Herbstzeitlos gewonnen
Mein’ Strudel krieg ich morgen
VI. Sonne, Sand und See
Ach Sand und See
Ach Sand und See
Sandundsee
Sandundsee
VII. Islamabad
Rote Erde
Rote Erde
Unser Grab
